Nachtwächterführung am 7. Oktober 2010 in Zons
Im historischen Kostüm entführte Hermann Kienle rund zwanzig Vereinsmitglieder in die Vergangenheit der Zollfeste
Zons. Ein Rundgang mit Hermann Kienle - dem Nachtwächter von Zons - durch das mittelalterlich anmutende Städtchen nimmt in der Regel etwa zwei Stunden in Anspruch - tatsächlich aber steckt in den Feldbrandziegeln und den alten Fachwerkhäusern soviel Geschichte, dass es ebenso gut möglich wäre, einen ganzen Tag auf den Spuren der Vergangenheit zu wandeln.
Das Öllämpchen und die Hellebarde als Begleiter
Als sich die rund zwanzig Vereinsmitglieder gegen Einbruch der Dämmerung an der Tourist-Information auf der Schlossstraße versammeln, herrscht mildes Spätsommerwetter - die erste Überraschung des Abends! Denn wer rechnet schon im Oktober mit milden Temperaturen und einem fast wolkenlosen Himmel? Schon nach kurzer Zeit des Wartens trifft dann auch, das entzündete Öllämpchen in der linken, und die gefährlich wirkende, weil spitze Hellebarde in der rechten Hand haltend, der Hauptdarsteller des Abends am Versammlungsort ein: Die schwarze Robe und den charakteristischen, dunklen Hut hat Hermann Kienle schon vor einigen Jahren erstanden. Das schwere Blashorn und die Hellebarde ergänzen die Tracht und bieten dem Betrachter ein imponierendes Bild.
"Die Tracht ist der originalen Bekleidung der mittelalterlichen Nachtwächter nachempfunden und musste von den Männern und Frauen zu jener Zeit selbst angeschafft werden", erklärt der Nachtwächter aus der Moderne, der im Laufe des Abends zweimal in sein Horn bläst um die Bewohner von Zons auf ganz eigene Art und Weise über die Uhrzeit in Kenntnis zu setzen. Um wen es sich bei dem etwas ungewöhnlichen Chronographen handelt, ist jedoch wahrscheinlich allen Zonsern bekannt: Gleich mehrmals wird er an diesem Abend von Passanten gegrüßt, schließen sich neugierige Zuhörer für ein paar Meter dem Weg der Gruppe an.
"So richtig los geht es mit der Geschichte von Zons im Mittelalter, als sich 1288 die Herren von Brabant, Jülich und Kleve gegen den Erzbischof von Köln verbünden und sich ihm mit truppen bei Worringen entgegenstellen", leitet Hermann Kienle seine Zeitreise auf dem ehemaligen Marktplatz ein. Pech nur, dass Zons auf der Seite des geistlichen Verlierers steht und nach der Schlacht von den siegreichen Truppen der Koalition geplündert und niedergebrannt wird. Auch dem Erzbischof ergeht es nicht besonders viel besser: er wird gefangen genommen und eingekerkert.
"Häuser sind jünger als man denkt"
"Viele Besucher denken, es handelt sich um eine echte mittelalterliche Bebauung, die sie hier in Zons sehen - doch es handelt sich tatsächlich um Häuser, die höchstens einmal 200 bis maximal 250 Jahre alt sind", überrascht der Nachtwächter seine Zuhörer. Immer wieder haben Kriege, Hochwasser und andere Katastrophen den Baubestand der alten Zollfeste dezimiert, wichen alte Gemäuer neuen Häusern. Doch auch wenn inzwischen selbst so manches Haus aus des Nachtwächters eigener Kindheit verschwunden ist - das Repertoire an Anekdoten, die Hermann Kienle zu berichten weiß, es könnte sicherlich für mehr als einen unterhaltsamen Abend reichen.
Der kleine Marktplatz mit seinem ehemaligen Pranger, die Stadtmauer und die dort platzierten "Pfefferbüchsen", das Rheintor und die ehemals dort einquartierten Nonnen kommen im Rahmen des Jour Fixe zur Sprache - selbst inzwischen verschwundene Sehenswürdigkeiten macht der Nachtwächter nach Einbruch der Dunkelheit - dann aber mittels einer modernen Taschenlampe wieder sichtbar: So erinnert er an das leider verlorene und nicht wieder aufgefundene Steindenkmal des knieenden Friedrich von Saarwerden und des heiligen Petrus, das sich einst an der Fassade des Rheinturmes befand.
Friedrich von Saarwerden
Den großen Schutzherrn von Zons - diesmal in unheimlich schimmernde Bronze gegossen - bestaunt die Gruppe jedoch schon einige Schritte weiter vor dem Rheintor. Gerüstet in Kettenhemd und Mantel der Geistlichkeit nebst Mitra blickt der gelockte Friedrich von Saarwerden auf seine Betrachter herab und Hermann Kienle gibt zu, dass er sich erst einige Zeit nach der Aufstellung des Denkmals "allmählich" mit der Figur anfreunden konnte - sie aber heute gerne zu den Sehenswürdig-
keiten von Zons rechnet.
Etliche Anekdoten und Daten später steht die Gruppe vor der gerade erst sanierten, historischen Windmühle, an der unser Nachtwächter ein letztes Mal in sein Horn bläst und die Gruppe schließlich verabschiedet. Doch anders als im Mittelalter - wo der Nachtwächter oftmals leer ausging - wird Hermann Kienle vom Geschichtsverein mit einer kleinen Gabe bedacht.
Geschichtsverein Dormagen e.V.
